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Gedenken an Willi Münzenberg

Die Erinnerung an den Erfurter antifaschistischen Publizisten Willi Münzenberg aus Anlass seines 129. Geburtstags nutzte DIE LINKE Thüringen gemeinsam mit ihrem Ministerpräsidenten Bodo Ramelow für ein klares politisches Signal.

Vor dem Geburtshaus Münzenbergs in der Augustinerstr. 31 in Erfurt streifte er nach einer kurzen Kundgebung am Dienstagmorgen gemeinsam mit Susanne Hennig-Wellsow, Partei- und Fraktionsvorsitzende DIE LINKE Thüringen, Christian Schaft, MdL, und weiteren Menschen Seenot-Rettungswesten über, um der im Mittelmeer ertrunkenen Fluchtsuchenden zu gedenken und der Forderung nach sicheren Wegen nach Europa für schutzsuchende Menschen Nachdruck zu verleihen. Ganz im Sinne Münzenbergs, der selbst vor der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft flüchten musste, wegen seines Anti-Stalin-Kurses aus der KPD ausgeschlossen und unter nie geklärten Umständen auf der Flucht aus der Internierung in Frankreich umkam.

 


 

Die Rede von Susanne Hennig-Wellsow, Partei- und Fraktionsvorsitzende DIE LINKE Thüringen

Wir begehen heute den 129.Geburtstag von Willi Münzenberg. Er bleibt bis heute ein Vorbild für eine unverbrüchliche linke Haltung in der Arbeiterbewegung. Eine Haltung, die auch den Widerspruch gegen die herrschende Linie vorsah. Auch heute können wir von Münzenbergs praktischen Internationalismus und einen modernen Ansatz der Massenagitation lernen.

Willi Münzenberg wurde am 14. August 1889 in der Augustinerstraße 31 in Erfurt geboren. Ab 1906 engagierte sich der Jungarbeiter Münzenberg in der Arbeiterbewegung. In der Schweiz lernte er während dieser Zeit die internationale Arbeiterbewegung intensiver kennen und traf dort Lenin. Nachdem er die Schweiz 1917 aus politischen Gründen verlassen musste, trat er dem Spartakusbund bei und gehörte zu den Gründungsmitgliedern der KPD.

Münzenberg wurde zum bedeutendsten linken Medienmacher der Weimarer Republik und organisierte linke Verlage und einen Filmverleih. Viele moderne linke Künstlerinnen und Künstler sowie populäre Zeitschriften wurden von ihm publiziert. Klangvolle Namen sind mit seinen Publikationen verbunden.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten emigirierte Münzenberg 1933 nach Paris. Diverse Publikationen aus dem Exil - u.a. das bekannte Braunbuch zum Reichstagsbrand - folgten. Dort plädierte er für ein Bündnis aller Hitler-Gegner und geriet in Konflikt mit der Linie der Kommunistischen Internationale. Schließlich wurde er 1939 auch nach Kritik am Hitler-Stalin-Pakt und an Stalins Herrschaftsmethoden aus der Partei ausgeschlossen.

Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Frankreich und der Flucht aus französischer Internierung wurde die Leiche von Münzenberg im Oktober 1940 im Wald von Le Caugnet gefunden. Die Umstände seines Todes - ob ermordet von der sowjetischen Geheimpolizei, der Gestapo oder doch Selbstmord - konnten bis heute nicht geklärt werden.

Willi Münzenberg war nicht nur der rote Pressezar und Antifaschist, als der er vor allem bekannt ist. Er war auch glühender Internationalist und Leiter der Internationalen Arbeiterhilfe - IAH.

Die IAH war gegründet worden, um die große Hungersnot in der Sowjetunion, die auf den Bürgerkrieg folgte, zu bekämpfen. Den von der Hungersnot Betroffenen zu helfen war ihre ursprüngliche Aufgabe, und in den ersten zwei Jahren ihres Bestehens sammelte die IAH etwa fünfzig Schiffsladungen aller Art, von Medikamenten bis zu Lastwagen und Nähmaschinen. Die vergleichsweise geringe Menge konnte einem hungernden Land riesiger Größe wenig helfen, schuf aber politische Sensibilität für internationale Fragen. Münzenberg erfand eine neue Technik, um den Internationalismus für Viele erlebbar zu machen. Er stützte sich auf die einfache Beobachtung: wenn jemand Geld spendet, wird er auch emotional an die Sache gebunden.

Sein Freund Arthur Koestler beschrieb diese Technik in der internationalistischen Arbeit Münzenbergs: "Je größer das Opfer, umso stärker wird das Band; wenn die gute Sache, für die man das Opfer bringen soll, einem auf eine lebendige und fantasievolle Art vorgeführt wird – und das war Willis Spezialität. Zum Beispiel bat er die Arbeiter nicht um wohltätige Gaben; er bat sie, einen Tageslohn zu stiften, »als ein Akt der Solidarität mit dem russischen Volk«."

»Solidarität «, nicht »Wohltätigkeit«, wurde das entscheidende Prinzip der IAH. Die »Internationale Arbeiterhilfe«, genau wie ihre Nachfolgerin, war eine politisches Organisation und nicht allein philanthropisch motiviert. Die fahrenden Kantinen und Suppenküchen, welche die IAH für das hungernde Russland organisiert hatte, erschienen in den darauffolgenden Jahren in Arbeiterwohnvierteln: ob im Deutschland der Inflationsjahre, in Japan während der Streiks im Jahre 1925, in England während des Generalstreiks 1926 oder aus dem Exil in der Solidaritätsarbeit für die Spanische Republik. Hilfe war Hilfe auf Augenhöhe mit den Betroffenen und mit dem Ziel einer besseren Gesellschaft vor Augen. Dabei kannte Münzenberg keine Grenzen. Nationale Borniertheit war ihm fremd.

Dieses Verständnis von internationaler Hilfe ist heute noch aktuell und etwa - kleiner Webeblock - Leitbild einer Organisation wie medico international, die in diesem Jahr ihr 50jähriges Bestehen feiert. Ein Verständnis von radikaler internationaler Solidarität.

Radikale Solidarität im Sinne Münzenbergs heißt heute das Recht zu verteidigen - so absurd sind die Zeiten - Menschen aus dem Mittelmeer zu retten. Auch Münzenberg trieb das Thema Emigration - als Emigrant in Folge des Rechtsrucks - um. So hieß es 1934 in der von ihm herausgegebenen "Arbeiter Illustrierten Zeitung":

"Die Lage der proletarischen Emigration ist unendlich schwer. [...] Die große, internationale Solidaritätsaktion, der Kampf für die Gewährung des vollen, uneingeschränkten Asylrechts, die Bemühungen um die Sicherstellung der Existenz der proletarischen Emigranten aus Deutschland und Österreich sind ein wichtiges Stück antifaschistischen Kampfes. Sie müssen, sie werden fortgeführt und gesteigert werden. [...] Und wer kann, wird helfen."

Wenn wir als LINKE heute die Bewegung #Seebrücke unterstützen und dem seit 2015 beschleunigten Rechtsruck entgegentreten, nehmen wir diese radikale Solidarität auf. Wir bringen das von Münzenberg mitgestalteten Erbe der Arbeiterbewegung ins Heute.

 

 


Christian Schaft

Christian Schaft ist Mitglied des Bundesvorstandes der Partei DIE LINKE und Landtagsabgeordneter im Thüringer Landtag für die Fraktion DIE LINKE. im Thüringer Landtag. Er ist Wissenschafts- und hochschulpolitischer Sprecher der Fraktion sowie Mitglied der Enquetekomission Rassimus.