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Ilmenau gedenkt dem Tag der Befreiung

Liebe Anwesende,

Liebe Freund*innen,

Liebe Mitstreiter*innen

am 10. April 1945 eroberten Verbände der amerikanischen Streitkräfte die Stadt Ilmenau. In diesen Tagen zeichnete sich nicht nur hier sondern auch in anderen Regionen das ab, was wenige Wochen später folgen sollte. Die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht am 08. Mai vor 75 Jahren. Dieser Tag besiegelte das Ende des 2. Weltkrieges in Europa, während der Krieg Ostasien und dem Pazifik noch weitere 4 Monate andauerte.

Der Sieg der Alliierten über das nationalsozialistische Regime im Mai beendete die Gewaltherrschaft und den rassistischen und antisemitischen Terror der Nazis in Europa und der Welt. Millionen Menschen fielen dem von deutschem Boden ausgegangenen Krieg zum Opfer. Von deutschem Boden ging dabei nicht nur ein Krieg aus. Dieser Krieg war verbunden mit dem bürokratisch durchgeplanten Massenmord.

Deshalb gedenken wir heute den Millionen Toten, die durch die Nationalsozialist*innen verschleppt und ermordet wurden. Den NS-Gegner*innen aus Parteien, Gewerkschaften, zivilem und militärischem Widerstand. Sowie den durch die völkische NS-Mordmaschinerie Verfolgten, wie Jüdinnen und Juden, Sinti*zze und Rom*nja, Menschen mit Behinderungen oder verächtlich sogenannten Asozialen.

Auch hier in Thüringen gab es sie, die Orte des systematischen Massenmordes. Buchenwald, Mittelbau-Dora, das Jonastal oder Ohrdruf legen unter anderem Zeugnis darüber ab. Auch hier durch den Ilm-Kreis gingen die Todesmärsche kurz vor Kriegsende, vorbei und durch Plaue, Arnstadt, Stadtilm oder Liebenstein. Den Menschen die diesem System, der Ideologie und den Täter*innen zum Opfer fielen gedenken wir auch heute an diesem Tag. Sie mahnen uns: nie wieder!

Und wir feiern an diesem Tag der Befreiung, die Befreiung von Nationalsozialismus. Wir danken und erinnern an die unzähligen Soldat*innen der Roten Armee, der Vereinigten Staaten und des britischen Commonwealth, die sich dem Faschismus stellten und größte Opfer brachten. Wir danken und erinnern auch an den Widerstand der Partisan*innen in den von Deutschland besetzten europäischen Ländern. Danke! Merci! Thank You! Cпасибо!

An diesem Tag müssen wir aber auch einmal mehr deutlich machen, dass die Befreiung nur ein verbrecherisches System, aber nicht das Gedankengut vernichtet hat. Eine Umfrage der Zeitung DIE ZEIT hat kürzlich ergeben, dass 53 % der Deutschen glauben, der Krieg und die Verbrechen der Nazis seien nur das Werk einiger Weniger gewesen. Sie denken Deutschen insgesamt treffe keine Schuld. Was für ein verheerender Befund für eine Gesellschaft der nachkommenden Generationen.

Befreit wurden 1945 die Überlebenden aus den Konzentrationslagern, die Jüdinnen und Juden, die Sinti*zze und Rom*nja, die Deserteur*innen und Widerstandskämpfer*innen, die sich vor der Verfolgung der Nazis verstecken und retten konnten, die stillen Held*innen, die geholfen haben, wo sie nur konnten, auch ohne offen in den Widerstand zu gehen.

Besiegt wurden die Nazis und alle ihre Mitläufer*innen, die Militärs, die für ein faschistisches Großdeutschland Millionen von Menschen ermordeten, ihre Schergen und Vasallen in anderen europäischen Ländern. Besiegt wurden alle kleinen und großen Nazis und alle diejenigen, die genau wussten, was für Verbrechen in ihrem Namen geschahen und die einfach mitmachten oder sich hinter dem Vorhang des vermeintlichen Nicht-Wissens verschanzten. Das System des NS-Regimes es funktionierte erst dadurch, dass es durch die Massen getragen wurde. Nein, Deutschland wurde nicht befreit von Schuld und nicht befreit von Verantwortung, es wurde vom Faschismus befreit.

Und deshalb gilt es an diesen Tagen rund um den 08. Mai auch darauf aufmerksam zu machen, dass mit dem Sieg über den Hitlerfaschismus eben nicht die Ideologie verschwunden ist. Das wir bis heute den Schwur von Buchenwald - die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln - nicht eingelöst haben.

Ein Schlussstrich darf es mit dem Tag der Befreiung und dem Feiern wie gedenken nicht geben. Antisemitismus, Rassismus, Menschenverachtung - all das lebte fort in Köpfen, Gedanken, Worten und Taten. Es existieren militante neonazistische Strukturen. Die offen extrem rechte AfD sitzt in allen Parlamenten, verspritzt von dort ihr Gift in die Köpfe und Herzen vieler Menschen. Und es gibt mehr als genug Erkenntnisse über extrem rechte Akteur*innen in Justiz- und Sicherheitsbehörden. Wir haben ein strukturelles Problem mit Rassismus, noch immer!

Die brutalen antisemitischen und rassistischen Anschläge von Halle und Hanau liegen nur wenige Monate zurück. Und die Angehörigen der NSU-Opfer und viele Menschen mit Migrationshintergrund zweifeln daran, ob es ein tatsächliches Interesse daran gibt aufzuklären und Konsequenzen zu ziehen. Dabei müssen der Mahnung #niewieder Konsequenzen folgen.

Das bedeutet sich immer wieder nicht nur heute als Gesellschaft gegen rassistische, antisemitische und nationalistische Tendenzen und den Geschichtsrevisionismus klar zu positionieren und weitere Konsequenzen zu ziehen, um alten und neuen Nazis den Nährboden zu entziehen.

Aktuell gilt des angesichts der Vereinnahmung von Protesten im Kontext der Corona-Maßnahmen durch Rechte eben auch immer wieder darauf hinzuweisen, welche politischen Akteur*innen tatsächlich die Grund- und Freiheitsrechte in Frage stellen, wenn sie in den Parlamenten und auf der Straße ihre Hetze versprühen.

Das bedeutet den 08. Mai endlich zum Feiertag zu machen, wie es die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano, mehrere Verbände und zehntausende Onlinepetent*innen fordern. Esther Bejarano sagte in einem Interview mit der Tagesschau:

„Man stelle sich mal vor, die Alliierten und die Rote Armee wären nicht gekommen, was wäre dann heute? Wir sehen ja, was sich in Deutschland tut, wie viele Nazis wir wieder haben. AfD, NPD oder "Pegida". Die wollen keine Demokratie. Ich weiß nicht, was werden soll, wenn es noch mehr werden, die so eine menschenverachtende Ideologie haben. Ich weiß nur, was ich gesehen habe. Und ich weiß, was dann kommen wird. (…) Jeder Einzelne muss etwas tun, um sich dem entgegenzustellen. Es kann nicht sein, dass rechtslastige Parteien wieder das Sagen bekommen. Das darf einfach nicht passieren.“

Unsere Verantwortung heute, unsere Lehre aus dem Faschismus und der Befreiung vom Faschismus heute ist, dass wir Faschismus, Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus, jede Form von Menschenfeindlichkeit und Diskriminierung nicht zulassen dürfen, dass wir jede Form von Rechtspopulismus und der extremen Rechten bekämpfen müssen, in den Parlamenten, auf der Straße, im Internet, in den Cafés, an den Schulen und den Sportvereinen, einfach überall.

Deshalb will ich enden mit den Worten die mir beim europäischen Gedenkakt anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald 2015 im Gedächtnis geblieben sind.

Der Buchenwald-Überlebende Bertrand Herz sagte damals dazu, dass die Menschenverachtung nicht besiegt ist: "Ich fordere die Jugendlichen deshalb dazu auf, widerständig zu sein, wenn es darum geht, die Menschenrechte und die Freiheit zu verteidigen“. In diesem Sinne lassen Sie uns alle zusammen die Menschenrechte und die Freiheit verteidigen, die ohne den Tag der Befreiung hier und heute nicht Realität wären.